Darmstadt Exkursion | Studiengang Architektur
"Im Rahmen des Seminars Denkmalpflege im Sommersemester 2010 am Fachbereich Bauen und Gestalten wurde bei Exkursionen im April 2010 nach Darmstadt verschiedene Themen von Denkmalschutz und Denkmalpflege angesprochen und an Beispielen demonstriert.
Wichtigster Ort der Exkursion war die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe mit der hauptsächlich von Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens und Albin Müller geschaffenen Architektur mit ihren Gartenanlagen. Sie gilt zusammen mit der Vielzahl künstlerisch gestalteter Objekte, eingebunden in einen alten Großherzoglichen Park, noch heute als „schönste Jugendstilanlage Deutschlands“.
Dieser Ort ist der Hauptanziehungspunkt Darmstadts für Besucher aus aller Welt. Das zwischen 1901 und 1914 in vier Ausstellungen entstandene Ensemble ist von außerordentlich hoher bau- und kunstgeschichtlicher Bedeutung. Darmstadt rückte nicht nur in den Fokus der Reformbewegung, sondern von hier gab es entscheidende Impulse für die Entwicklung der Architektur des 20. Jahrhunderts in Deutschland.
Die Ausstellung 1901 „ein Dokument Deutscher Kunst“, damals als „unerhörte Neuerung im Ausstellungswesen empfunden“, wird heute als erste internationale Bauausstellung angesehen. Vom Haus bis zum Garten, vom Mobiliar bis zum Geschirr inszenierten die Künstler „Lebenswelten auf künstlerischem Niveau“.
Die Ausstrahlung der Mathildenhöhe geht weit über die Region und das Land hinaus. Die Architektur der Künstlerkolonie unterscheidet sich wesentlich von der ornamental dekorierten Baukunst, die sich in den meisten anderen europäischen Zentren des Jugendstils findet. Eines ihrer Hauptmerkmale ist eine neue, vor allem von Olbrich angewandte Auffassung des Gebäudeentwurfs, die ihren Schwerpunkt zunächst in der Stimmigkeit der inneren Funktion hat – die äußere Hülle entwickelt sich aus ihr und spiegelt sie wider. Hier zeigt das Werk Olbrichs Wege zu einer neuen Architekturauffassung und repräsentiert am Beginn des 20-sten Jahrhunderts den Aufbruch zur Moderne.
Das Darmstädter Experiment, unter künstlerischen Aspekten ganzheitliche Modelle modernen Lebens vorzuführen, gab Impulse zu Reformen auf den Gebieten von Architektur, Gartenkunst, Innendekoration und Kusthandwerk. Im Verlauf der vier Ausstellungen, wie sie auf der Mathildenhöhe dokumentiert sind, zeichnet sich ein Wandel im architektonischen Design von der mit wenig Ornament geschmückten Putzfassade hin zur materialbetonten Außenhaut ab. In diesem Ensemble wird die Debatte um materialgerechtes Bauen, die wegweisend für die Architektur des Funktionalismus im 20. Jahrhundert war, schon angedeutet.
Unter allen diesen Aspekten ist das Gesamtkunstwerk Mathildenhöhe einmalig auf der Welt und nimmt durch die Verbindung von Lebensreformbewegung und Architekturgeschichte eine Sonderstellung ein, die eines Tages eine Anerkennung als Weltkulturerbe zusammen mit anderen architekturreformerischen Beispielen in der Region rechtfertigen könnte."
Dipl.-Ing. Nikolaus Heiss
Fotos | Stefanie Möhrle | Studentin Studiengang Architektur
